
Sport steht für Fairness, Respekt, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung. Gerade im organisierten Sport sollten Werte wie Kameradschaft, Chancengleichheit und Schutz der Athletinnen und Athleten selbstverständlich sein. Doch die Realität sieht nicht immer so aus. Ein oft tabuisiertes, aber reales Problem ist Bossing im Sport – systematischer Machtmissbrauch durch Funktionäre, Trainer oder Verantwortliche gegenüber einzelnen Sportlern.
Bossing ist eine besondere Form von Mobbing. Es beschreibt fortgesetzte, gezielte Ausgrenzung, Schikanierung oder Benachteiligung durch Personen in Macht‑ oder Leitungspositionen. Im Sport äußert sich Bossing häufig nicht laut oder offen, sondern subtil, bürokratisch und strategisch:
Ausschluss von Training, Wettkämpfen oder Veranstaltungen
Verweigerung von Start‑ oder Spielberechtigungen
Ignorieren von Anträgen, Schreiben oder Gesprächsangeboten
Diffamierungen, falsche Behauptungen oder Aktenvermerke
Einschüchterung durch Drohungen, Anzeigen oder juristische Schritte
Isolierung innerhalb des Vereins oder Verbandes
Gerade weil Sportverbände hierarchisch organisiert sind, haben Betroffene oft kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Wer die Kontrolle über Lizenzen, Startrechte oder Mitgliedschaften hat, besitzt enorme Macht über sportliche und persönliche Lebenswege.
Ich schreibe diese Zeilen nicht aus theoretischem Interesse, sondern aus eigener, schmerzhafter Erfahrung. Über viele Jahre habe ich im Ringersport erlebt, was es bedeutet, systematisch ausgegrenzt zu werden.
Statt sportlicher Auseinandersetzung und fairer Behandlung erlebte ich:
jahrelange Isolation innerhalb von Vereinen und Verbänden
fehlende Transparenz bei Entscheidungen, die mich unmittelbar betrafen
das Ausbleiben jeglicher Antworten auf sachliche Anfragen
den Eindruck willkürlicher Maßnahmen ohne nachvollziehbare Begründung
juristischen Druck, Anzeigen und gerichtliche Auseinandersetzungen
Besonders belastend war dabei nicht nur der Verlust sportlicher Perspektiven, sondern die dauerhafte psychische Belastung. Wenn einem über Jahre signalisiert wird, dass man nicht erwünscht ist, obwohl man nichts Unrechtes getan hat, hinterlässt das Spuren.
Bossing ist kein „persönliches Empfinden“ und kein Zeichen von Schwäche. Es ist erwiesen, dass anhaltender psychischer Druck krank machen kann. In meinem Fall führten die jahrelangen Belastungen zu ernsthaften gesundheitlichen Konsequenzen.
Chronischer Stress, innere Unruhe, Schlafstörungen, Erschöpfung und depressive Symptome sind typische Folgen. Wenn Betroffene zusätzlich erleben, dass Institutionen versagen oder wegsehen, kann dies existenzielle Auswirkungen haben – bis hin zur dauerhaften Erwerbsunfähigkeit.
Bossing im Sport zerstört nicht nur Karrieren, sondern Menschen.
Ein zentrales Problem ist die fehlende unabhängige Kontrolle im organisierten Sport. Beschwerden verlaufen oft im Kreis:
Verein → Verband → Verband → Verein
Betroffene stehen Funktionären gegenüber, die sich gegenseitig schützen. Transparente Verfahren, echte Ombudsstellen oder wirksame Schutzmechanismen fehlen häufig oder existieren nur auf dem Papier.
Wer sich wehrt, gilt schnell als „schwierig“, „Querulant“ oder „Störenfried“ – ein weiterer klassischer Mechanismus des Bossings.
Lange Zeit habe ich geschwiegen. Aus Angst, aus Hoffnung auf Einsicht, aus dem Wunsch heraus, den Sport nicht weiter zu belasten. Heute weiß ich: Schweigen schützt nicht die Betroffenen, sondern die Täter.
Ich spreche darüber, weil:
Bossing im Sport sichtbar gemacht werden muss
andere Betroffene merken sollen, dass sie nicht allein sind
Machtmissbrauch kein Tabuthema bleiben darf
Sport seine Werte nur bewahrt, wenn er sich selbst kritisch hinterfragt
Diese Seite soll informieren, sensibilisieren und Mut machen. Mut, hinzusehen. Mut, Fragen zu stellen. Mut, Betroffene ernst zu nehmen.
Sport darf kein rechtsfreier Raum sein. Fairness endet nicht auf der Matte.
Wenn du selbst Ausgrenzung, Willkür oder Machtmissbrauch im Sport erlebst oder erlebt hast, dann weißt du: Das Problem bist nicht du.
Bossing im Sport muss benannt, aufgearbeitet und beendet werden.